Influencer aus der Retorte: Nachmachen erlaubt

Influencing aus der Retorte

Influencer generieren auf ihren Instagram-Profilen oft mehrere Millionen Follower. Dabei sind die meisten Feeds beinahe identisch.

von Nilay Siner

Über die Entwicklung von Instagram zu meckern gehört heutzutage fast schon zum guten Ton. Von Schleichwerbung bis hin zu überbezahlten Influencern oder der absurd inszenierten Scheinwelt: An der Foto-App wird oft kein gutes Haar gelassen. Und trotzdem will jeder ein Teil von ihr sein. Nicht umsonst kursieren im Netz etliche Anleitungen, wie man für seinen eigenen Account möglichst viele Follower gewinnen kann. Was dabei auffällt? Die Textverfasser orientieren sich bei ihren Tipps ausnahmslos an den erfolgreichsten Accounts, die nahezu alle identisch sind. Und obwohl sich die Internetsternchen mittlerweile schon selbst über den Einheitsbrei auf Social Media aufregen, scheint es genau der zu sein, der erfolgversprechend ist.

Wer Reichweite hat wird zum Meinungsmacher

„Sei einfach du selbst“, schreien die Influencer im Chor, während sie sich hingegen lieber den Trends anpassen, die ihnen die meisten Likes und Follower bringen. Im digitalen Zeitalter gelten diese Zahlen schließlich als Maßstab für Erfolg und Relevanz. Ganz nach dem Motto „Never change a running system“ setzen Influencer auf das, was bei allen anderen auch funktioniert. Sie teilen denselben Friseur, bestellen dasselbe Essen und halten dieselben gesponserten Trend-Teile in die Kamera, die ihnen von unzähligen Onlineshops kostenlos zugeschickt werden. Individualität? Fehlanzeige. Da kann so manch einer schon mal den Überblick verlieren, wer nun wirklich Trends setzt, und wer bloß so schnell wie möglich auf den neuesten Hype mit aufspringt. Nicht erst seit Instagram ist bekannt, dass Menschen mit einer gewissen Reichweite schnell zu Meinungsmachern werden. Das ist auch den großen Modemarken nicht entgangen, die für ihre Werbekampagnen immer häufiger gängige Models durch Influencer ersetzen. Wen wundert es dann noch, dass sich die Profile immer weniger voneinander unterscheiden. Schließlich kooperieren sie alle mit denselben Marken. Redundanz vorprogrammiert.

Goodbye city of angels, always heart aching to leave you! 💔 see you very very very soon, now European adventures are calling 💦

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🦄spread your wings & go … #weho #LeSecretinLA

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Perfekte Inszenierung bis ins kleinste Detail

Die großen Accounts überlassen für das perfekte Bild nichts mehr dem Zufall. Spätestens seitdem Instagram zu einem richtigen Business geworden ist wird vom Outfit bis hin zum Make-Up alles komplett durchgeplant. Sogar die Foto-Locations werden nach ganz bestimmten Kriterien gewählt, damit der Instagram-Feed auch bloß eine farbliche Harmonie aufweist. Jedes Detail wird bis zur Makellosigkeit inszeniert. Lästige Menschen werden aus dem Hintergrund entfernt, schmutzige Gebäude mal eben durch Photoshop gejagt. Authentische Schnappschüsse – für die Instagram anfangs eigentlich genutzt wurde – sind heute eine echte Rarität. Die Shootings werden immer professioneller und gleichen oft schon einer InStyle-Modestrecke. Wer aber denkt, die Suche nach dem perfekten Motiv würde sich mühsam gestalten, den muss ich enttäuschen. Denn Influencer wären nicht Influencer, würden sie nicht auch dabei oft bloß Copy + Paste betreiben. Besonders beliebte Hot-Spots derzeit: Die unzähligen Graffiti-Wände in Los Angeles, tierförmige Luftmatratzen auf coolen Poolpartys und nicht zu vergessen der Pariser Eiffelturm. Ziel des Ganzen ist es gewöhnliche Alltags- und Urlaubssituationen glamourös nachzustellen, um Authentizität zu suggerieren. Vollkommen unverständlich das es mittlerweile sehr viele Kritiker gibt, die solche aufwendig aufeinander abgestimmten Bildkonzepte unrealistisch finden. Wer reitet im Urlaub denn nicht top gestyled auf einem aufblasbaren Schwan durch den Pool?

Ready for the pool party (couldn’t resist haha 🤓👀🦄haha) #chella see you later! #revolvefestival #revolvehotel

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#MYKONOS 💙 can we stay forever – please?! #bloggerklischeeerfüllt 🙌🏻💕🌺 #greece #cavotagoomykonos 🏊🏻‍♀️

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May I introduce- Captain Xenia 🦄 #Coachella2017

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Influencer als Spiegel der Gesellschaft

Man kann meckern so viel man will, der Erfolg spricht für sich. Denn schließlich wären die ach so verhassten Influencer niemals da, wo sie heute sind, gäbe es nicht zig Millionen Menschen, die ihnen die nötige Aufmerksamkeit schenken. Anscheinend verkörpern die Internetstars mit ihren mühelosen Beachwaves, ihrer gebräunten Haut und den überwiegend durchtrainierten Körpern das Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts. Wer gut recherchiert und nach mehr Vielfalt sucht, der findet auch noch individuellere Instagram-Profile. Mit denen kann sich anscheinend aber nur ein Bruchteil identifizieren. Wer also allein den Influencern die Schuld an unserer oberflächlichen Welt gibt, der sollte vielleicht mal kurz durchatmen und ehrlich zu sich selbst sein. Denn niemand wird gezwungen ihnen zu folgen, ihre Produkte zu kaufen oder ihren Stil abzufeiern. Das können wir glücklicherweise doch alle ganz individuell selbst entscheiden.




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