Anonym (?) auf Jodel: von Trashtalking bis Stalking

Studiengang, Dozenten und das Studentenleben – der ganz normale Uniwahnsinn. Joa, dafür wurde die Plattform Jodel ursprünglich erschaffen.

von Stefanie W.

Jodel: Eine App, in der man anonym posten und anderen Jodlern, im Umkreis von zehn Kilometern, Fragen stellen kann. Über das Studentenleben. Eigentlich. Anonym. Denken die meisten – und teilweise stimmt das natürlich auch. Ich selbst nutze die App auch seit nun mehr einem halben Jahr. Bis dato ganz gerne. Denn längst geht’s nicht mehr bloß darum, wo die nächste Physik-Vorlesung stattfindet oder welche Übung bis Dienstag erledigt werden muss. Stattdessen: Jodel als neuer Zeitvertreib. Fotos von Kneipenbesuchen, Fragen und Antworten zu Dating, Sex und Liebe, witzige Sprüche, Party-Empfehlungen fürs Wochenende. Bilder ohne Filter – das wahre Studileben. Einfach Texten und den Gedanken freien Lauf lassen. Nochmal betont: Ohne Nickname!

„Kipp Wurstwasser in ihr Essen.“

Erst einmal klingt anonym schreiben ja ganz nett. Fragen, was einem sonst peinlich ist – worüber man mit niemandem spricht. Keine Fotos von dicken Karren, teuren Markenkleidern oder ähnlichem, bloß um sich seiner Person zu profilieren. Denn niemand weiß, wer hinter einem Post oder einer Antwort steckt. Und das kann oft echt cool und hilfreich sein. Doch auf der anderen Seite macht genau das Jodel zu einem Raum für Beleidigungen, Anzüglichkeiten, Sexismus und Rassismus. Denn klar: Ohne Namen trauen sich auch die – sorry – untersten Geschöpfe aus dem Nähkästchen zu plaudern und ihren Scheißgedanken freien Lauf zu lassen. Dazu zählen sicher auch dumme Witze über Vegetarismus. Aber ja, als Vegetarierin ärgert mich so etwas erst (vielleicht gebe ich auch meinen Senf unter dem Post dazu), aber dann ist auch gut und ich kann über die Dummheit der Jodler hinwegschauen. Standard-Aussagen ohne Gehalt eben. Unser Daily Business. Doch kommt es zu sexistischen Aussagen über Professorinnen oder Mitstudentinnen, „Wir-sind-das-Volk“-Posts wie „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ oder oder oder – und diese Liste könnte ich ewig weiterführen – ist es mit einem hilflosen Belächeln und Darüber-Hinwegschauen nicht mehr getan. Aber was dann? Erstens: Ein Minus vergeben (gleich mehr dazu). Zweitens: Den Post beziehungsweise die Antwort schnell melden, damit sie von einem Admin gelöscht wird. Doch soweit ich weiß war’s das dann.

Neben mir gibt’s auch hunderte andere aktive Jodler, die solche Abscheulichkeiten runtervoten – also ein Minus vergeben. Denn, meiner Meinung nach, beziehungsweise was ich die letzten Monate mitbekommen habe, ist die Darmstädter Jodelgemeinschaft doch sehr offen und tolerant und schwarze Schafe gibt’s nun mal überall. Ab fünf Downvotes verschwindet ein Post und die dazugehörigen Antworten, das geht in Darmstadt auch meist ziemlich flott.  Zum Glück. Trotzdem muss man sich erst mit so einem Mist auseinandersetzen. Aber kann man sich eigentlich alles auf Jodel erlauben und wie anonym ist das Ganze denn nun wirklich? Genau mit dieser Frage habe ich mich vor wenigen Wochen – unfreiwillig – privat auseinandergesetzt.

#galeriesteffi

Der Grund: #whothefuckissteffi. Ein Jodel – bloß mit diesem Hashtag – der meinen Vornamen beinhaltet. Aus Interesse klicke ich drauf – klingt ja erst ganz witzig. Darunter aber Kommentare von mehreren Jodlern: Beschreibung meines Aussehens und was ich die letzten Male beim Feiern getragen habe. Zwei Posts darunter ein weiterer Jodel mit meinem Vornamen: #galeriesteffi. Dieses mal: In welchem Club ich an diesem Wochenende war und – das allerbeste – mein Facebook-Name. Später ein weiterer Post: „Danke für den Facebook-Namen, habe jetzt das Profilbild von #galeriesteffi gesehen“. Tja. So viel zur Anonymität. Gelöscht wurde mein Name nicht – auch nicht nachdem ich den Post gemeldet habe. Und halb Studenten-Darmstadt weiß nun, wie ich aussehe, wie ich heiße und kennt meine Lieblingsspots. Danke dafür. Danke für nichts.

#gespotted. Tjoa. Danke für nix.

Und ja, neben solchen Dingen ist die App auch nicht so ganz anonym: Kommt es beispielsweise dazu, wie kürzt in Heidelberg, dass ein Jodler ankündigt, sich selbst umzubringen, können die Admins – über die IP-Adresse – die Kontaktdaten des Jodlers an die Polizei rausgeben. Das selbe gilt natürlich auch für Amokläufe oder andere Ankündigungen von Straftaten. So komplett anonym ist das Ganze also nicht – zum Glück!

Also: Anonymität schön und gut. Für ganz viele Jodler gab es dort auch hilfreiche Antworten von der Community, die sie sonst im Reallife nicht bekommen hätten – ganz klar! Trotzdem: Jodel ist kein rechtsfreier Raum und auch hier muss man sich verdammt noch mal an Regeln halten – und auch bei krassen Beleidigungen (wie oben aufgeführt) müssen die Jodeladmins eingreifen und die besagten Jodler zumindest sperren!




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