By Anonymus-ng (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Mein zweites Ich – Wofür Fakeprofile auf Facebook genutzt werden

Stalkingopfer, eine Kindesentführung, außergewöhnliche sexuelle Neigungen, Schutz vor Rechtsradikalen – Dafür werden Fakeprofile genutzt.

von Marc Brockmöller

Man könnte sagen, der Trend geht hin zum Zweitprofil. Keine zwei Wochen ist es her, da habe ich auf Facebook gefragt, wer in meiner Kontaktliste mindestens ein zweites Profil besitzt, und wofür es verwendet wird. Die Anzahl der Antworten übersteigt den Rahmen eines Blogbeitrags. Deshalb erzählen wir euch hier die spannendsten, dramatischsten, erschreckendsten Stories, von Kindesentführungen, über Stalkingopfer bis hin zu sexuellen Neigungen und Schutzsuche vor rechtsradikalen Aggressoren. Mit solchen Antworten hatten wir nicht gerechnet.

 

Die Schriftstellerin

 

Nika Lubitsch ist Krimiautorin. Aber Nika Lubitsch existiert gar nicht, zumindest nicht offiziell. Denn Nika Lubitsch heißt eigentlich Monika von Ramin. Ihr Pseudonym hat sie nicht als Künstlernamen eintragen lassen, zumindest noch nicht. “Ich habe mir damals ein Pseudonym ausgedacht, weil ich Angst hatte mit meinem ersten Krimi meinen Ruf zu zerstören”, erklärt uns die 63 jährige. Doch es kam anders als gedacht. Ihren Debütroman, “Der 7. Tag”, verlegte die ehemalige Unternehmensberaterin selbst. Bis heute wurde das Buch rund 350.000 mal verkauft. Natürlich hat Nika Lubitsch einen eigenen Facebook-Account. Den nutzt die Schriftstellerin hauptsächlich für ihre Kriminalgeschichten und zur Konversation mit ihren Lesern und Fans. “Monika von Ramin ist mehr mein privater Account, aber natürlich haben mich viele Leser auch dort geaddet.” Zudem hat von Ramin inzwischen auch mehrere Nicht-Krimis unter ihrem echten Namen veröffentlicht.

 

Die gestalkte Sängerin

 

Sie lernte Dieter zufällig auf einem ihrer Konzerte kennen: “Er war nett und erzählte mir von den vielen Kontakten die er in der Szene habe.” Sabrina Klüber ist Schlagersängerin und Schauspielerin. Karrieretechnisch geht es mit ihr stetig aufwärts und Kontakte können da nie fehlen. “Er hat mehrere Facebookseiten verwaltet, teils auch mit vielen tausend Abonnenten und hat da immer fleißig meine Beiträge geteilt.” Irgendwann fing es an seltsam zu werden, erzählt sie. Erst hätten sich Personen gemeldet, die von Dieter früher schon gestalkt und gemobbt wurden. Nach und nach habe sich dann herausgestellt, dass viele der Kontakte die Dieter immer wieder anführte ihn gar nicht kannten. Richtig losgegangen sei es vor knapp acht Monaten, als Sabrina Dieter mit diesen vermeintlichen Lügen konfrontierte und den Kontakt abbrechen wollte. “Es hagelte Beleidigungen und Diffamierungen in meine Richtung.” Dieter postete Fotos von Sabrina mit herablassenden Texten, er eröffnete Gruppendiskussionen mit Fans, in denen er sie beschimpfte und verleumdete und, wie sie sagt, einfach Lügen erzählte. “Schließlich wusste ich keinen Ausweg mehr. Ich beschloss mein Facebookprofil für eine Weile nicht mehr zu verwenden und eröffnete ein neues unter falschem Namen.” Den falschen Namen möchte sie natürlich nicht verraten, genauso wenig wie Dieters echten Namen. “Er wurde schon mehrfach angezeigt und es laufen strafrechtliche und zivilrechtliche Verfahren gegen ihn. Ich habe eine einstweilige Verfügung beantragt und die wurde vor dem Amtsgericht auch schon geltend gemacht.”

 

Der Grundschullehrer, mit speziellen sexuellen Neigungen

 

Jonathan ist Grundschullehrer im Rhein-Main-Gebiet. Und, Jonathan hat sexuelle Neigungen, für die vor allem Eltern das Verständnis fehlen könnte. Auch Jonathan existiert nicht so wirklich. Zum Schutz seiner Person haben wir seinen Namen geändert.

“Schon vor meinem Lehramtsstudium hatte ich mehrere Accounts. Aber an meinen Vorlieben hat sich bis heute nichts geändert.” Zur Aufklärung: Jonathan steht auf, wie er es nennt, Dirty Talk und BDSM. BDSM ist eine Sammelbezeichnung für Bondage, Discipline (Domina) und Sadomaso. Mit seinem Zweitprofil hat er nach Partnerinnen gesucht und auch einen Youtube Channel betrieben. Der Account existiere zwar noch, “heute benutze ich ihn aber nicht mehr so oft. Ich weiß inzwischen wie das alles im echten Leben funktioniert.”

 

Der undercover Journalist

 

Das Internet weiß ziemlich viel. Oft reicht ein Name und man findet heraus was der Beruf und wer der Arbeitgeber einer Person ist. Für Journalisten sei es noch wichtiger als für Menschen anderer Berufe im Internet präsent zu sein – mit seinem Gesicht und seinem Namen. “Wenn ich als Journalist nicht erkannt werden will, dann muss ich mir einen anderen Namen ausdenken und nach Möglichkeit verhindern, dass jemand mit meinem Foto oder meinem Namen bei Google einen Treffer landet”, erklärt uns David. Auch seinen Namen haben wir geändert. Heutzutage ist es nach wie vor normal, persönliche Treffen abzuhalten. “Online Profile steigern aber enorm die Glaubwürdigkeit. Wenn ich mich irgendwo als David Helmstatt (ausgedacht) vorstelle und jemand diesen Account auch bei Facebook findet, tendiert die Person eher dazu mir zu glauben, dass meine Angaben stimmen.” Normal sei es heute auch, nur schemenhafte Fotos als Profilbilder zu verwenden und die Anzahl seiner Facebook-Kontakte zu verschleiern. “Außer der Frage: ‘Bist du das?’ hat noch nie jemand Fragen zu meinen Fakeprofilen gestellt.”

 

Die politische Aktivistin

 

Veronika Kopf war viele Jahre ihres Lebens politisch aktiv und ist bis heute zumindest politisch involviert. Bis vor einigen Jahren war sie Mitglied bei der “Front Deutscher Äpfel”, einer Satireorganisation, die im Stile des Nationalsozialismus rechtes Gedankengut und rechte Parteien parodiert. Um zu verhindern, “dass die Nasen uns zu leicht finden”, gab Sie sich damals den Namen Klara Wurzel, mit dazugehörigem Facebook-Profil, entsprechender E-Mail-Adresse und Visitenkarten. “Das haben damals alle Mitglieder in Bayern gemacht und das hat gut funktioniert” Von einem Aussteiger aus der rechten Szene erfuhr sie damals, es habe tatsächlich keinen Zweifel gegeben, dass die Mitglieder der Apfelfront mit ihren echten Namen aktiv waren. Veronika ist seit Jahren nicht mehr bei der Apfelfront aktiv – ihr alter Ego, Klara Wurzel, gibt es nicht mehr.

 

Die Mutter, die ihren Sohn schützen will

 

Nicole erzählte uns, sie hätte ein zweites Profil mit ihrem echten Namen auf dem nur das Bild einer Frau mit Kopftuch zu sehen ist. Was wir zunächst für eine noble Geste gegenüber einer Familie aus einer anderen Welt hielten, entpuppte sich als hochspannende und dramatische Geschichte, die nur das Leben selbst schreiben kann.

Nicole war 19, als sie heiratete. Sie war in der Ausbildung zur Krankenschwester, ihr Mann studierte Medizin. Er ist Palästinenser und lebt in Deutschland. Er ist der Vater von Nicoles Sohn Jamal. Die Familie ihres, inzwischen, Ex-Mannes lebt bis heute in Palästina. Eines Tages wurde sein Vater schwer krank und starb schließlich. “Wir hatten zu dem Zeitpunkt unsere Probleme, aber natürlich war es keine Frage, dass wir mit der ganzen Familie kommen und ihm zur Seite stehen.” Tatsächlich hatte das Paar geplant eines Tages nach Palästina auszuwandern. Heute ist das für Nicole undenkbar. Zurecht, wenn man ihre Geschichte hört.

Als ihre Familie damals das zweite Mal innerhalb eines Jahres in Israel war, lud ihr Mann sie zu einem Ausflug nach Bethlehem ein. Dabei wollte er auch einige Dinge für sein Studium erledigen. Nicole solle so lange bei einer Freundin auf ihn warten. “Ich blieb bei ihr und wartete. Aber mein Mann meldete sich nicht mehr.” Erst spät am Abend, Stunden später, meldete er sich: “Ich nehme Jamal mit zu mir. Du wirst ihn nie wieder sehen.” Es folgten Drohungen, ihr würde etwas zustoßen, wenn sie nach ihren Sohn suchen käme. Jamal war damals drei Jahre alt.

Es folgte eine Suchaktion, die sich kein Krimiautor besser hätte ausdenken können. Gemeinsam mit der palästinensischen Polizei fuhr sie in die Heimatstadt der Familie ihres Mannes. Inzwischen war es spät geworden. Nicole musste irgendwo übernachten. Die Polizei riet ihr, bei Familienangehörigen ihres Mannes zu bleiben. Sollte es zu einem Sorgerechtsstreit vor einem Schariagericht kommen, würde es nicht gut aussehen, wenn sie irgendwo anders als bei der Familie übernachtet hätte. “Ich hatte Todesangst. Ich war eine Frau, mitten in einem konservativen muslimischen Land, bei Familienangehörigen meines Mannes, der mir offen gedroht hatte mir würde etwas passieren, wenn ich mich dort blicken ließe.” Ihren Mann und ihren Sohn hatte sie immer noch nicht zu Gesicht bekommen.

Erst am nächsten Tag traf sie ihren Mann wieder, auf einer Polizeistation. Ihr Sohn war nicht da. Erst auf Druck der Polizei brachte der Bruder ihres Mannes Jamal zur Polizeistation. Weil ihr Sohn nur deutsche Dokumente hatte, entschied die Polizei, dass Nicole das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat. “Auf einmal musste alles ganz schnell gehen. Der Anwalt der Familie meines Mannes hatte am Morgen das Sorgerecht bei einem Schariagericht beantragt. Doch der Polizist sagte, wir sollen schnellst möglich mit dem Jungen verschwinden. Nicole und ihr Sohn wurden in ein Auto gesetzt und nach Jerusalem gefahren. Drei Tage lang wurden sie in einer sicheren Unterkunft versteckt. Vom Konsulat bekamen sie und ihr Sohn neue Papiere. Dann konnten sie von Tel Aviv aus nach Deutschland zurückfliegen.

Zurück in der Heimat erwirkte sie eine Ausreisesperre für ihren Sohn, immer in der Angst, ihr Mann könnte ihn wieder entführen und nach Palästina verschleppen. “Er ist der Vater und in Deutschland hat er nach wie vor ein Umgangsrecht mit Jamal.” Doch die Ausreisesperre lief irgendwann aus. Heute muss sie sich mit dem Jugendamt auseinandersetzen. Für den heute acht Jahre alten Jamal versucht sie eine neue Sperre zu erwirken. “Er will mit Jamal für mehrere Wochen nach Palästina fliegen. Ich habe ernsthaft Angst, dass ich meinen Sohn dann nie wieder sehen werde.”

Ihr Profil hält sie bis heute Aktiv: “Sollte mein Mann es doch schaffen Jamal wieder zu entführen, möchte ich die Möglichkeit haben als Teil der Familie auftreten zu können. Dazu gehört auch, die Bräuche und Traditionen zu respektieren. Deshalb ist das Profil mit meinem echten Namen sehr konservativ, nur Fotos mit Kopftuch, und so weiter. Das Zweitprofil mit meinem Fakenamen ist das, welches ich eigentlich nutze.” Wünschen würde sie sich das alles anders: “Es wäre schön, wenn Jamal nach Palästina fliegen könnte und ich wüsste, dass der wieder heil zurück kommt.” Daran glauben kann Nicole aber aktuell noch nicht.

 




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