Das Snapchat-Leben der Influencer

Stars und Sternchen setzen sich virtuelle Blumenkronen auf den Kopf und strecken dir eine lange Hundezunge entgegen. 

von Amelie Lingner

Das Motto der Snapchatfilter lautet oft: Je bescheuerter, desto besser. Snapchat bietet zu jedem Anlass einen neuen Filter, der direkt ausprobiert werden muss. Auch ich selbst habe die App installiert und nutze sie häufig. Wenn man ausschließlich Leute abonniert hat, die einen wirklich interessieren und hin und wieder inspirieren, macht Snapchat wirklich Spaß. Vor allem, weil man jeden einzelnen Tag etwas Neues entdecken kann. Trotzdem: Ich sitze zwar im Glashaus, muss nun aber mal mit Steinen werfen.

 

Ganz im Sinne von „No Filter needed“

 

Die Crème de la Crème der deutschen Influencer tummelt sich natürlich auch wo? Klar – bei Snapchat. Die Follower sollen schließlich keine Sekunde des spannenden Alltags ihrer „Stars“ verpassen. Ob Novalanalove, Sami Slimani, Caro Daur oder Pamela Reif: Sie alle verbringen gefühlt mehr Zeit mit ihrer Community via Smartphone, als mit „realen“ Personen im wahren Leben zu kommunizieren. Jede einzelne Aktion, die dich in einer Snapchat-Story deiner Freunde nicht mal annähernd bereichern würde, wird gefilmt und festgehalten. Auf Snapchat sehr beliebt: Wie sie Freitagabend mit coolen und vor allem schönen Menschen einen drauf machen und Sushi essen, während du alleine im Bett liegst mit deinem Smartphone in der rechten, und einem Eis von Ben&Jerrys  in den linken Hand.

Und apropos Bett: Was vor allem bei den weiblichen Snapqueens dieses Landes nicht fehlen darf? Na? Richtig. Der Beauty-Filter. Diesen gleich morgens um halb sechs aufs Gesicht gezaubert und zack siehst du blendend aus. Ganz im Sinne von: Ich bin gerade erst aufgestanden und sehe schon jetzt hervorragend aus #nomakeup #nofilterneeded. Was in den Hashtags aber nicht erwähnt wird ist, dass dieser besondere Filter mit so viel Weichzeichner dein Gesicht glättet, dass du dich sogar selbst nicht wiedererkennst.

Quelle: Snapchat/novalanalove

 

„Stopp! Erst ein Foto.“

 

Wer hat es heutzutage (leider) noch nicht erlebt? Wir machen uns schick,  gehen mit Freunden etwas essen und warten, bis unsere Bestellungen vom Kellner an den Tisch gebracht werden. Ein kurzer Blick auf den Teller und die Hand geht zum Smartphone: „Stopp! Nichts anfassen, ich will erst ein Foto machen.“ Meistens sind das Einzelfälle in Freundeskreisen, die eine Kettenreaktion hervorrufen. Denn oft zücken daraufhin auch die anderen ihre Handys aus der Tasche, bevor das Essen ganz kalt geworden ist.

Für die Stars und Sternchen unter uns ist das der krasse Alltag. Sie kommen zu spät zu einem Treffen, weil sie noch ihr „Get ready with me“ fertig aufnehmen mussten, für das sie natürlich auch extra stimmige Hintergrundmusik ausgesucht und das passende Outfit angezogen haben, um dann völlig overdressed in die weite Welt zu ziehen. Das Outfit wird dann natürlich am Abend nochmal ausführlich im sogenannten „Haul“ präsentiert.

Quelle: carodaur/Instagram

 

Film ab

 

Ich erinnere mich noch gut, als vor gar nicht langer Zeit der Rapper Drake in den großen Städten Deutschlands, wie Berlin und Hamburg, seine Konzerte spielte. Und obwohl ich Snapchat privat intensiv nutze und vielen bekannten Bloggern und Influencern wirklich gerne folge, hat mich an diesem gewissen Abend etwas zum Zweifeln gebracht. Meine Timeline war zu 80% voll mit verwackelten Videos vom Konzert. „Call me on my cell phone“ hier und „Hotline Bling“ da. Klar, es war ein großes Event und wenn ich ehrlich bin wäre ich auch gerne selbst da gewesen. Aber – und jetzt kommt wirklich ein großes ABER– jeder hatte sein Handy in der Hand. Jeder hatte seinen Blick nach unten gerichtet und nicht auf die Bühne, wo er eigentlich sein sollten. Sie alle waren damit beschäftigt ihr Smartphone zu entsperren, Snapchat zu öffnen und auf eine ganz bestimmte Stelle des Liedes zu warten, um es für die Community aufzunehmen. Da der erste Versuch nicht geklappt hat, folgt der nächste und so weiter.

Und dann? Dann ist der Lieblingssong auch schon wieder rum. Das war’s. Sie waren zwar live dabei, aber wirklich den Moment genießen kann man das ja wohl nicht nennen. Alles nur für ein perfekt abgefilmtes Snapchatleben, um als User am nächsten Morgen 30 verwackelte und unscharfe Konzertvideos angucken zu können. Die Selbstdarstellung wird für sie zu einer alltäglichen Gewohnheit und jeder noch so kleine Moment wird mit einem Snap gefüllt. Die Frage ist: Wann haben sie zuletzt einen Moment nur für sich oder mit wahren Freunden genossen und nicht direkt geteilt?

 

Trotzdem…

 

Letztendlich kann man es aber nicht leugnen: Auf Snapchat  kann man nicht nur seine Zeit – womöglich sogar seine ganze Lebenszeit – totschlagen, sondern auch eine Menge Spaß haben. Es kann einen schon mal einen Abend lang amüsieren, wenn man mit allem und jedem das Gesicht tauscht und lustige Selfies mit Bienen- und Pandafiltern macht. Man sollte es aber beim besten Willen nicht übertreiben und sein Umfeld dadurch komplett ignorieren, indem man nur in sein Smartphone spricht. Dank der hochgradigen Präsenz im Alltag eignet sich Snapchat perfekt für das Vergessen wichtigster Aufgaben, wie waschen, anziehen und atmen. Also dann: Happy Snapping.

 

 




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