Tinder

Vom Tinder-Match zur großen Liebe

Auf Tinder seine große Liebe finden? Gar nicht mal so unmöglich wie ich dachte.

von Nilay Siner

„Und, wo habt ihr euch kennen gelernt?“

Eine Frage, auf die ich anfangs nie so wirklich antworten wollte. Wer würde nicht gerne eine romantische Story in petto haben, a lá „Wir standen gemeinsam im Supermarkt und beim Griff zum Saucenbinder haben sich ganz zufällig unsere Fingerspitzen berührt“. Oder sowas in der Art. Die meisten von uns können allerdings keine Nicholas Sparks reife Herzensgeschichte erzählen. Welche Antwort immer schockierende Reaktionen hervorruft? Betrunken und verschwitzt in einem Club. Noch schlimmer? Das Tinder-Geständnis. Letzteres ist auch mir zu Beginn nur schwer über die Lippen gekommen. Zu tief sitzen die Vorurteile über die Dating-App, die dafür bekannt ist den Usern zu einer unverbindlichen Nummer zu verhelfen. In welcher Art auch immer man das verstehen will.

Tinder

Tindern? Ich? Niemals.

 

Tinder war schon über ein Jahr auf dem deutschen Markt, als auch ich endlich davon Wind bekam. Anfangs fand ich es ganz lustig meine Single-Freunde beim tindern zu beobachten. Gemeinsam nach links oder rechts zu swipen und die teils irrsinnigen Chatverläufe zu belächeln. Die App selber runterladen? Unter keinen Umständen. Da war ich mir sicher. Ich wollte einfach nicht, dass jeder X-beliebige mein Gesicht auf einer Dating-App finden kann. Was würden die Leute bloß von mir denken? Ich war immer dafür bekannt, mich mit meinem Liebesleben sehr bedeckt zu halten. Und Tinder war doch ohnehin nur super oberflächlich und was für Idioten, die bloß das Eine wollen und es im wahren Leben zu nichts bringen. Irgendwann wurde ich dann aber doch neugierig, wer sich so in meinem Umkreis befinden würde, und so schaffte es die App an einem lustigen Mädels-Abend dann doch auf mein Handy.

Was eigentlich nur für den Moment gedacht war hielt letztendlich für mehrere Wochen an. Ich wurde offiziell zur Tinder-Nutzerin und musste anfangs schmunzeln, wie viele bekannte Gesichter sich darunter befanden. Es hat einige Wochen gebraucht, bis ich mich wirklich mal zu dem ein oder anderen Date aufraffen konnte. Umgehauen hat mich davon keins. Allerdings gab es so einige WTF-Momente, weshalb ich die App auch immer mal wieder von meinem Smartphone löschen musste. Erst fühlte ich mich in meinen Vorurteilen vollends bestätigt. Heute bin ich froh, sie irgendwann doch wieder installiert zu haben. Denn ohne Tinder, hätte ich wohl niemals diesen witzigen, smarten Menschen kennengelernt, der seitdem mein Leben jeden Tag aufs Neue auf den Kopf stellt.

Vielleicht wären wir uns nie begegnet

 

Es lagen nur 30 Kilometer zwischen uns, und dennoch hatten wir keine Schnittstelle, die darauf hoffen ließe, dass wir uns eines Tages zufällig über den Weg gelaufen wären. Nach etlichen Nachrichten und Telefonaten verabredeten wir uns in der Stadt. Wir starteten mit Kaffee, wechselten rüber zu guten Drinks und ließen die Nacht irgendwann um halb fünf mit weichen Knien und unvergesslichen Gesprächen ausklingen. Dieser Abend hat mir gezeigt, dass ein Tinder-Date nicht weniger romantisch sein muss, nur weil man sich über das Smartphone kennen gelernt hat. Diese Neugierde, wie man wohl mit jemandem harmoniert, der erste Blickkontakt, das erste Vorfühlen, die Freude auf ein Wiedersehen – das alles kann dir nicht mal Tinder nehmen. Zumindest nicht dann, wenn du es mit der richtigen Person erlebst. Am nächsten Tag löschte ich die App endgültig von meinem Handy. Ich wusste damals nicht, wo das alles hinführen würde, aber ich wusste, dass ich kein Interesse mehr an weiteren Optionen hatte. Nach einem Monat waren wir offiziell ein Paar. Nach einem Jahr packte ich mein Hab und Gut in Kisten und zog bei ihm ein.

 

 

Es gibt sie – die Erfolgsgeschichten

 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich zu Beginn unserer Beziehung die Vorurteile der anderen förmlich spüren konnte. „Das hält doch eh nie“, stand in ihren Gesichtern geschrieben. Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen, mit Höhen und Tiefen, die vor keinem Paar Halt machen. Auch nicht vor denen, die das Glück hatten, sich hollywoodreif unbeholfen auf der Straße anzurempeln. Im 21. Jahrhundert ist es nichts Besonderes mehr, sich auf Dating-Apps rum zutummeln. So gut wie jeder kennt mindestens ein Pärchen, das sich online kennen gelernt hat. Tinder und Co. ebnen lediglich den Beginn einer Geschichte. Die Geschichte selbst hat damit allerdings nur noch wenig zu tun. Aber es gibt sie – die Erfolgsgeschichten. Wenn ich an unseren Anfang zurückdenke, dann sicher nicht an den Swipe nach rechts. Ich denke an jede Kleinigkeit, die mich davon überzeugt hat, dass wir etwas ganz Besonderes haben. Tinder hat mir die Lektion erteilt, nichts und niemanden mehr zu verurteilen und mich auch mal auf Dinge einzulassen, die auf den ersten Blick abschreckend wirken.

Ob die App für jeden Single funktioniert? Ich bezweifle es. Aber das tut jeder andere Weg, seine große Liebe kennen zu lernen, ja auch nicht.

 




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